gesellschaft – 08.04.2008
Ein Mundwerk wie ein Bierkutscher

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Manchmal muss das ja echt schnell gehen. Wenn ich auf der Straße gefragt werde, wo das Cafe Blaustern ist, zum Beispiel, und die Ampel für mich so wunderbar auf grün steht, hab ich keine Zeit, mich hinterm Ohr zu kratzen und mir auf lässig ein Jausenbrot zu schmieren, nein, das nämlich ist eine klassische Stress-Situation, da muss die Antwort kommen wie aus der Pistole geschossen und ohne zu überlegen, weil die U-Bahn fährt in zwei Minuten und dieser Orientierungslose nervt jetzt aber schon ein bisserl - "Also bitte: dort unten, und jetzt entschuldigen'S, ich muss!" - und bin ein Wölkchen und dahin.

Weil um auf Stress-Situationen zurück zu kommen: So eine ist nie keine Freude nicht, aber Däumchendrehen, das war einmal, zu einem gelungenen Erwachsenenleben gehört eine gepflegte Streitkultur wie das Butterbrot zur Eierspeis', und der Ro-- hat ja letztens eine Diskussion erlebt, bei der ihm nicht nur die Haare zu Berge standen, sondern die Wut-Röte sein sonst so schneewittchenweißes Antlitz um ganze zwei Nuancen verdunkelte. Und seine Geschichte geht so:

"Viel Feind, viel Argumentationsnotstand letztens an der Uni, in einem Kämmerchen mit Blick auf die österreichische Banknotendruckerei: Dem Kammerpublikum wird unter Einsatz aller Mittel, von Flipchart bis PowerPoint, eine Studie präsentiert, die (Überraschung!) wieder mal beweist: Männer und Frauen sprechen nicht dieselbe Sprache. Keine Neuigkeit: Männer wären mehr auf Auseinandersetzung, Frauen mehr auf Frieden aus; die einen laut, die andern eher leise; die ganze Palette.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, heißt das dann, und wir haben es ja schon immer gewusst. Auch hier [wo der Ro-- also sitzt, die Nationalbank vor'm Kopf] wissendes Gelächter. Aber weil ein bisschen Reflexion sein muss, dürfen vier Studierende, nämlich zwei pro Geschlecht, darüber diskutieren, und also gut, ich sage:

'Ich habe ein Problem mit dieser Studie. Ein nicht so leicht erklärbares.' Doch bin ich damit allein auf weiter Flur, denn die anderen am Diskussionstisch haben ihren Spaß und gute Laune außerdem. Doch ich habe da was einzuwenden: 'Der Zweck der Studie ist offensichtlich: Der Geschlechterunterschied soll als notwendig und natürlich ausgewiesen (und akzeptiert gemacht) werden, nach dem Motto: Is' so. Fährt die Eisenbahn drüber.' So, und an dem Punkt ist es nun aus mit der guten Laune, weil 'die Studie', kontert die mir gegenüber sitzende Diskutantin, 'macht nur eine Aussage über die Wirklichkeit.' 'Schon, aber: Diese Einstellung tritt mit einem bestimmten Interesse an die Wirklichkeit heran. Bereits die Tatsache, dass solche Studien gemacht werden, und so eine Aufmerksamkeit bekommen ...' Eine zweite Diskutantin, die Doppelfragezeichen deutlich hörbar: 'Heißt das, du würdest solche Studien ... verbieten??'

Potzblitz, gefährlich das, weil beinahe hätt ich mir einen Hieb mit der Faschismuskeule eingefangen. 'Nein, nein', sag ich dann, und 'wieso wird denn aber gerade der Unterschied zwischen Mann und Frau so groß gemacht? Wieso nicht ..., hm, (schnell nachdenken!), auch einmal den, äh, den ...' Na den zwischen dem Gesprächsverhalten von Personen, die sich wohl fühlen und solchen, die sich nicht wohl fühlen, zum Beispiel. Doch zu der Antwort kommt es nicht mehr. Denn pünktlich wie die Kirchenuhr bricht an dieser Stelle schrilles Pausengeläut die Diskussion ab.

Ein Treppenwitz, das ist, wenn du in einem Streit, einem Geplänkel oder auch in einem Flirt die eine Chance verpasst hast, das genau Potzrichtige zu sagen, weil es dir erst einfällt, wenn du schon hinaus und auf der Treppe bist. Zum Beispiel der hier: Es gibt eine Studie (O'Barr und Atkins 1980, wer's genau will), in der das Gesprächsverhalten im Gerichtssaal untersucht wird. Dabei zeigt sich ein evidenter Unterschied: Und zwar zwischen solchen Personen, die Erfahrung mit Gerichten haben, und solchen, die das eben nicht gewohnt sind. Und jetzt raten wir mal, wie dieser Unterschied sich äußert ... So: Die Gerichtserfahrenen sind auf Auseinandersetzung, die Unerfahrenen mehr auf Frieden aus; die einen laut, die andern eher leise; die ganze Palette. Unabhängig vom Geschlecht. Echt jetzt. Arg, oder?"

Das also die Geschichte vom Ro--, der ansonsten erst so circa auf dieser Höhe der Kolumne das Wort erteilt bekommt. Und was nun aber ich dazu sage? Ganz sicher nicht: Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch.


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