Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Es muss einen Grund geben, wieso Gründonnerstags auf das Seite fünf-Mädchen verzichtet wurde. Österreichs auflagenstärkste Tageszeitung wird erwachsen? Der Ro-- meint: "Nein, aber Fastenzeit is'." Logisch, denk ich mir so frisch erleuchtet, Spinat mit Spiegelei ja, Fleisch nein. Jesus zuliebe.
Weil um auf Gründonnerstag zurück zu kommen: Ganz verzichtet wurde eh nicht auf die Frau, gleich auf Seite sechs lacht mir eine junge hübsche als Repräsentationsmodell der Handy-Generation entgegen. Und ich denk mir: Ein Mann würd's auch tun. Doch nein, genau so wonnig-weiblich geht es weiter: Ausflugstipp römisches Leben in Carnuntum? Lachende Frau plus lachendes Mädchen in Römerinnenkluft. Lesen als das beliebteste Zubettgeh-Ritual? Eine sich räkelnde vollbusige Frau mit Buch und Negligé. Kernöl, Schilcher, Brettljause? Der Wirt präsentiert die Weine, drei Schönheiten mit Dirndl-Dekolleté drapieren sich um einen Speckteller. Historische Dampflokomotiven in Ottakring? Eine kühle Blonde guckt hinterm Zug hervor. Das Konzert der Sängerknaben? Eine fesche Mittdreißigerin blickt aus einem Kirchenportal selig in die Höh'. Und bei all dem denk ich mir: Ein Mann würd's auch tun, ein Mann würd's auch tun, ein Mann würd's eigentlich auch tun. Doch nichts da!
Die Bildsprache zeigt, wo die Geschlechter Platz zu nehmen haben: Die Frau ist schön und liebevoll, der Mann Politiker oder Unternehmer. Medien betreiben mit ihrer Bildauswahl in gewisser Weise auch Geschlechterpolitik. Weil ja, es macht einen Unterschied, ob ich ein Bild sehe, auf dem zu einem gewissen Text ein gewisses Geschlecht abgebildet wird. Spätestens dann, wenn die Bildunterschrift zu einem Foto, auf dem ein Baby mit einer Frau zu sehen ist, lautet: "So soll es sein: Liebevoll behütetes Baby."
Ebenso problematisch ist es, wenn in einem Zeitungsartikel das Ergebnis einer Ernährungsstudie bekannt gegeben wird mit den Worten: "Alte Geschlechter-Vorurteile bestätigt: Männer essen am liebsten Fleisch, Frauen mögen eher Gemüse, Obst, Nüsse, Joghurt." Dieses Ergebnis - eigentlich eine simple Bestandsaufnahme von weiblichem und männlichem Essverhalten - wird im Zeitungsartikel als Beweisgrundlage für biologische Geschlechterdifferenz verkauft. Es wird so getan, als wären die verschiedenen Vorlieben aus der unterschiedlichen weiblichen und männlichen "Natur" heraus zu begreifen, als gäbe es (ja wohl nicht nur hier) einen (kleinen) Unterschied. Bei all der - ich sage mal - seriösen Berichterstattung wird vollkommen - ich sage mal - vergessen darauf, dass eine Studie über das aktuelle Essverhalten noch lange keinen Grund liefert für das zwischen Mann und Frau unterschiedliche 08/15-Essverhalten.
Doch Vorurteile sehen sich gern bestätigt, und oft sind die Vorurteile nicht einmal welche. Weil ja, wahrscheinlich brauchen die meisten Frauen tatsächlich länger im Bad, und ja, wahrscheinlich essen die meisten Männer tatsächlich mehr Fleisch als Frauen, doch geht es nicht ums "dass", sondern ums "was". Nämlich: Was sagt uns das? Es sagt uns nichts über die Natur, aber alles über die Kultur. Denn systemtheoretisch betrachtet - das heißt, die Absichten mal beiseite gelassen und den Fokus auf Handlungsweisen als systemischen Prozess gelegt -, bedeutet die Fleisch/Obst-Sache nichts weiter als Frauen und Männer haben ihren Platz in einem System gefunden, das von den einen verlangt, mehr Fleisch zu essen und von den andern, mehr Obst. Denn Geschlechterverhalten ist einstudiert, oder um es viel schöner und mit dem Historiker Thomas Laqueur zu sagen:
"Neue Erkenntnisse über das biologische Geschlecht beinhalten in gar keiner Weise die Aussagen in Sachen Geschlechtsunterschied, die in ihrem Namen gemacht wurden. [...] Alle Aussagen über biologisches Geschlecht sind von Anfang an mit der Kulturarbeit belastet, die von diesen Vorgaben geleistet worden ist." Marie-Luise Angerer, Professorin für Gender@Medien an der Kunsthochschule für Medien in Köln, nennt diesen vorbelasteten, disziplinierten Geschlechtskörper einen "gelehrigen Körper", "Wissenskörper".
Warum nun aber Frauen mehr Obst essen? Marlene Dietrichs Zeitgenossin Mae West gibt die Antwort: "Es kommt nicht darauf an, was ich sage, sondern wie ich es sage. Und wie ich aussehe, wenn ich es tue." Und der Ro-- sagt ja: "Reich mir mal die Clementine." Und ich sage: "Wie heißt das?"
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08/15 oder Siehst du das genauso?