gesellschaft – 11.03.2008
Ein Ohr für Frauenprobleme

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Es gibt immer welche, die es nicht verstehen. Zum Beispiel "WOMAN", das die Antwort bezüglich Sinn oder Unsinn des Internationalen Frauentags zu finden glaubt, indem es drei Männer befragt: Sozialminister Erwin Buchinger, Journalist Volker Piesczek und den adretten Chef der Elektronik-Kette Niedermeyer. Der Minister lässt erwartungsgemäß die "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"-Phrase fallen, doch wäre es voreilig, das (der Vertrautheit und Plakativität wegen) als Bauchpinselei abzutun. Ebenso plakativ, doch etwas origineller nimmt der Journalist (und Ehemann der Grünen- Politikerin Eva Glawischnig) Stellung: "Erst wenn genau so viele schlecht qualifizierte Frauen wie Männer in Führungspositionen sitzen, gibt es Gleichberechtigung!" Denn wie jüngst Frauenministerin Doris Bures sagte, ist eine verpflichtende Frauenquote nicht die eleganteste Lösung, aber die wirksamste.

Um auf den Tag der Frau zurück zu kommen: Dieser fand auch heuer am 8. März statt und wie zu erwarten, fand er auch in den Medien ein wenig Beachtung, ja gut, dieses Jahr ein wenig mehr, denn der Internationale Tag der Frau feierte hundertjähriges Jubiläum, nahm er doch seinen Anfang 1908 in Amerika. Bei allen Rechenfüchsen sollte spätestens an diesem Punkt der Alarmknopf rot aufleuchten: Wenn 1908 der erste Frauentag war, war 2008 nicht der hundertste, sondern der hundertunderste. Grund für diese Ungenauigkeit? Womöglich die Zahlensymbolik (der Anschluss war ja auch 1938 und mit 2008 wird dessen 71 Jahre danach gedacht) und sprachliche Ungenauigkeit ("hundertjährige Wiederkehr" wäre korrekter, weil ein Original, aber hundertste Imitation, und die Rechnung würde aufgehen).

Doch will ich nicht in bürokratischen Wortdurchfall verfallen, wenn es doch um Wichtigeres geht: Zum Beispiel, dass der schöne Niedermeyer-Chef bei der Antwort auf die Frage, was nur für Frauen typisch sei, eine gewisse Tiefgründigkeit vermissen lässt: Keppeln und Shoppen. Dass er nur arbeite, um Frauen zu beeindrucken, macht die Sache nicht gerade besser, und "WOMAN" wird ad acta gelegt, weil auch das gesamte restliche Heft an journalistischer und gesellschaftspolitischer Relevanz nichts hergibt: "Frisuren, die viele Jahre wegzaubern", "7 Regeln für die Wespentaille", oder Interview-Fragen wie "Was hat Ihnen Ihre Mutter schon als Kind eingebläut" enthüllen die Nähe zum klassisch-konservativ ausdefinierten Frauenbild. (Dass "WOMAN" sich als das "erfolgreichste österreichische Frauenmagazin" selbst feiert, ist heiße Luft; die "Kronen Zeitung" liegt verkaufstechnisch auch in Führung und was bedeutet das? ... Eben.)

Apropos "Krone": In diesem Blatt wurde der Frauentag am 8. März ganze zwei Mal angesprochen, beide Male gleichermaßen bezeichnend und verzichtbar: Zum einen hagelt es der ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher "Post von Jeannée", worin sie explizit "zur Frau des Tages am heutigen Frauentag" gekürt wird, es implizit aber einen Rüffel bezüglich ihrer jüngsten Forderungen an den ORF setzt. Zum anderen wird der Frauentag in die Fernsehtipps eingebaut, denn laut "Krone" ist gerade der Weltfrauentag "ein guter Einstieg für Barbara Stöckls neues Talk-Magazin", doch ich sage, der Muttertag hätte es genauso getan.

Apropos Muttertag: Der Frauentag wurde im Nationalsozialismus übrigens durch den Muttertag ersetzt. Das zeigt, dass die Frau von 1938 bis 1945 eigentlich nichts war, die Mutter hingegen alles. Und dass der Muttertag immer noch offizieller Feiertag ist, zeigt, dass die Frau noch immer nicht so viel gilt wie die Mutter. Ein bisschen diesen Anklang hat wohl auch Martina Salomons Leitartikel zum Frauentag in der "Presse": "Absurd ist das Wehklagen - unter anderem der Grünen - darüber, dass die steigende Frauenerwerbsquote ‚nur’ auf Teilzeitarbeit beruht. Ist es wirklich so schlecht, wenn Menschen für Kinder, Pflege oder Bildung eine Zeitlang kürzer treten (können)?" Nein, Frau Salomon, so schlecht ist das nicht. Abgesehen davon, dass diese "Menschen" durch fehlende Kranken- und Arbeitslosenversicherung ein nur ungenügendes soziales Netz hinter sich haben, somit meist vom sozialversicherten und voll verdienenden (männlichen) Partner abhängig sind und den Wiedereinstieg in den Beruf an den Nagel hängen können, aber sonst, nein sonst ist das so schlecht eh nicht. Frau Salomon lässt uns in ihrem Artikel auch teilhaben am eigentlichen Grund der ganzen Misere: "Steigende Armut - speziell bei Frauen? Die ist zu einem guten Teil importiert. Österreich achtet zu wenig darauf, wer ins Land kommt. Sehr oft waren es arme, ungebildete Schichten mit einem rückständigen Frauenbild. Natürlich ist dort dann die Frauen-Armut daheim, genauso wie alte Machismo-Ideologien, die wieder in Mitteleuropa Fuß fassen." Resümee: Das Böse kommt von außen, von unten außerdem, und die fabelhaften Österreicher behandeln ihre Frauen eigentlich eh ganz gut.

Apropos Österreicher: In Österreich existiert das Frauenwahlrecht seit 1918, seit 91 Jahren also. Damit kann sich Österreich irgendwie schon brüsten, denn in der Schweiz werden Frauen erst seit 1971 als fürs Wählen schlau genug empfunden. Nicht brüsten kann sich Österreich hingegen mit dem Ergebnis beim "Global Gender Gap Report 2007", der die funktionierende Gleichberechtigung innerhalb eines Landes abfragt: Hier landet Österreich auf dem nicht eben vorbildlichen 27. Platz von 115.

Ich widme den Welttag der Frau 2008 daher all jenen, die der Meinung sind, die Geschlechter seien eh gleichberechtigt genug. Und jenen, die meinen, Gleichberechtigung würde maßlos übertrieben. Und jenen, die denken, die klassischen Rollenbilder erfüllten schon ihre Funktion. Und jenen, die sagen, das Kind brauche die Mutter. Und jenen, die denken, ein Tag im Jahr ändere an dieser Tatsache auch nichts. Und jenen, die wie die österreichische EU- Kommissarin Benita Ferrero-Waldner und die Vizepräsidentin der EU-Kommission Margot Wallström der Meinung sind, Frauen seien besonders für "soziale Dienste" unverzichtbar (ebenso "Die Presse", 8. März 2008). Und als kurzes Fazit zu diesem langen Rondo der Medienschau sagt der Ro--: "Oft ist das Denken schwer, indes, das Schreiben geht auch ohne es." Und ich? Ich sage: Wilhelm Busch.

Links dazu ...
Internationaler Tag der Frau
Gender Gap Report 2007


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