gesellschaft – 04.03.2008
Jahrmarkt der Eitelkeit

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Ganz objektiv betrachtet bin ich wunderschön, eine echte Augenweide, keine Frage. Zweifeln tu ich immer nur dann daran, wenn mir Zeitschriften, Werbung, Fernsehen etwas anderes vorgaukeln. Weil ginge es nach denen, sollte ich 1,80 Meter groß sein statt 20 Zentimeter kleiner, zehn Kilo weniger wiegen als eigentlich, meine Zähne bleichen, die etwas unschön naturgelb sind, und die Nase begradigen auch.

Denn um auf Schönheit zurück zu kommen: Diese ist relativ, klar, doch so ein gewisser Standard wird halt schon meist verlangt, vor allem der Singlemarkt ist unerbittlich. So gesehen hat der Ge-- vollkommen Recht, wenn er behauptet, bei mir sei's eh wurscht, wenn ich mal nicht ganz so gut ausschaue, weil ich sowieso in festen Händen sei und keinem (anderen) Mann mehr gefallen müsse. Diese Repräsentations- und Börsenkurs-Einstellung ist weit verbreitet, es zählt das gesellschaftliche Schönheitsideal, quasi allgemeine Anerkennung, und nicht das Ich, quasi persönliches Körper-Feng Shui. So, wie wir uns im Straßenverkehr an Ampeln orientieren, orientieren wir uns, was die eigene Person betrifft, an Bildern, die es laut subversiver Medienhypnose zu erreichen gilt. Ja, ich weiß, das alte Lied: Magermodels sind schuld an allem und ich kann's eigentlich auch nicht mehr hören.

Dennoch muss das wieder mal angesprochen werden, vor allem jetzt, wo die deutschsprachige Fernsehlandschaft erneut von Leichtgewichten überschwemmt wird. Denn die allseits bekannte deutsche Modelmutter sucht ein drittes Mal Germany's Next Topmodel und die Einschaltquoten sind trotz des Abgangs des kauzigen Lauftrainers so hoch wie nie. Frauen- und Körperverkauf machen Quote, und weil ich das weiß und nicht gerade wenig verabscheue, bin ich gar nicht erst reingefallen auf diesen Trick und habe mich nicht vor den Fernseher locken lassen, was - ich gestehe - unter anderem daran lag, dass ich keinen mehr besitze, und so gesehen muss ich mir auf meine Enthaltsamkeit rein gar nichts einbilden.

Doch um mich zu läutern soll auch erwähnt werden, dass ich dieser überregionalen Mädchenkörper-Präsentation auch deshalb nicht beigewohnt habe - und das wiederum halte ich sehr wohl für löblich -, weil ich gebrochen habe mit diesem masochistischen Zeitvertreib namens Fernsehen, der mir immer wieder den unbedingten Wunsch einimpft, mich lässiger zu kleiden und auf der Stelle abzuspecken, weil ja, auch ich bin anfällig für Eitelkeit und das nicht eben wenig.

Aber ab jetzt zäum ich das Pferd von hinten auf: Kein Fernsehen, kein Boulevard, kein gar nichts, was meinen Intellekt gefährdet. Denn wenn ihr denkt, schön zu sein, sei eine Tugend, sage ich: Alten Frauen über die Straße zu helfen ist eigentlich viel netter und eine pralle Geldbörse im Fundbüro abzugeben noch umso mehr, während anderen beim Gutaussehen zuzuschauen - seien wir uns ehrlich - uns keinen Meter weiterbringt. Und der Ro-- sagt ja, ich sei das Gewissen der Nation. Und ich? Arbeite daran.


Zurück zur Liste