Was waren deine Beweggründe, dich für dieses Thema zu entscheiden?
Begonnen hat ja alles sehr unspektakulär: Während der Phase der Themenfindung kam mir ganz zusammenhanglos der Satz "Das mach ich mir selbst" in den Sinn. Sofort assoziierte ich damit unter anderem den Sex mach ich mir selbst, sprich die Befriedigung nehme ich selbst in die Hand. Ich mochte den Satz und fand die Assoziation spannend. Nach einer ersten Recherche wusste ich auch, dazu wurde noch nicht viel gearbeitet in der Literaturwissenschaft. Ich wollte über nichts schreiben, das bereits zehn Mal beackert wurde oder über etwas, das bloß für die Schublade taugt. Spannend an diesem Thema ist ja nicht so sehr das voyeristische Moment, schon auch, klar, aber mehr, wie Masturbation von Männern und Frauen gedacht, wie darüber gesprochen, also in meinem Fall geschrieben wird. Masturbation ist ja kein reden über das Wetter, es ist trotz diverser, meist künstlerischer Versuche, mit dem tatsächlichen Akt der Masturbation den Gesellschaftsraum zu stören, wie es zum Beispiel Elke Krystufek gemacht hat, eher das No-Go der Gesprächsthemen, die so beim Kaffeetreff verfolgt werden. Nicht so in Marlene Streeruwitz' Prosa, die ich schließlich als literarische Untersuchungsgrundlage für meine Diplomarbeit heranzog.
Was ist denn so anders bei Marlene Streeruwitz?
Bei Marlene Streeruwitz wird in 8 von 10 Romanen masturbiert, wobei sie onaniert als Wort verwendet. Dies ist einerseits ungenau, da der biblische Onan eher einen coitus interruptus praktizierte, als sich selbst zu befriedigen, doch das Wort hat für (vor allem die männliche) Selbstbefriedigung Eingang in die Sprache gefunden. Andererseits lässt Streeruwitz' selbstsichere Verwendung des männlich besetzten Begriffes vermuten, dass sie sich dieses sexuelle Selbstbestimmungsrecht auch für ihre weiblichen Protagonistinnen herausnimmt. Und nicht nur das Recht, sondern damit auch zu erkennen gibt, dass die Frau - genauso wie der Mann - nach Befriedigung verlangt und eine eigenständige Sexualität besitzt. Onanie wird dabei meist nicht explizit thematisiert, was auch das Spannende an dieser Autorin ist, sondern es ist Teil des Lebens ihrer Figuren und wird so ganz nebenbei beschrieben, wie Zähneputzen. Vollkommen aus der Reihe fällt jedoch ihr neuestes Buch "Kreuzungen". Hier ist die Leitfigur erstmals ein Mann, dieser würde gerne onanieren, hat aber nur Lust dazu, wenn er seine Macht und jemand anderes Ohnmacht zu spüren bekommt, der Frau wird darin verboten sich zu befriedigen, und selbst der Paarsex ist einer, der der männlichen Selbstbefriedigung und sexuellen Machtübernahme über die Frau dient.
Du hast vorhin gemeint, Selbstbefriedigung ist immer noch oft das "No-Go" bei Gesprächsthemen - worauf führst du das in erster Linie zurück?
Zum einen aus der eigenen Lebenswelt. Selbst mit engsten Freund_innen ist Selbstbefriedigung kaum ein Thema. Und es soll ja auch jede_r das Recht haben, die eigene sexuelle Intimität zu schützen. Doch was ich eher damit meine ist, dass die jahrhundertelange Geschichte der Masturbation, die ja vor allem eine des Verbots, der Heimlichkeit und auch Scham ist, noch nachwirkt. Ich merke auch, wenn ich über mein Diplomarbeitsthema spreche, dass es einerseits mir selbst seltsam indiskret vorkommt, andererseits erhalte ich auch Reaktionen dieser Art. Dabei ist das Sprechen über Masturbation durchaus ambivalent und reicht vom darüber Witzeln bis zum jemanden Pervertieren damit. Dabei ist es die Selbstbefriedigung, die eine_n den eigenen Körper und seine Lustfähigkeit erfahren lässt. Diese Richtung wiederum wird auch gern von Populärmagazinen aufgegriffen, da ist Unverblümtheit angesagt und Offenheit. Doch produziert diese verbotslose Offenheit, die propagiert wird, um mit Michel Foucault zu sprechen, wiederum eine neue Diktatur.
Elfriede Jelinek wird in Österreich oft in ihrer Eigenschaft als Frau persönlich angegriffen - und Marlene Streeruwitz?
Ja, das ist bei Streeruwitz sehr wohl auch der Fall; selbstverständlich, bin ich - sarkastischerweise - versucht zu sagen. Und ihr Geschlecht ist ja auch nicht uninteressant, spricht sie damit doch aus einer weiblichen Sozialisierung und Ökonomie heraus und außerdem aus einer geschlechterhierarchisch subalternen Position. Das stört das (produzierte, tradierte und leider oft auch gelebte) Bild der "sprachlosen" Frau. Damit behaupte ich aber keineswegs, dass ausschließlich Männer Streeruwitz (oder Jelinek) aufgrund ihres Geschlechts angreifen, der Frauen gibt's da auch genug. Und Jelinek und Streeruwitz werden ja zudem nicht ganz "neutral" als Frauen sondern vor allem als feministische Frauen angegriffen. Doch dieser Ansatz ist zu einfach und verschleiert außerdem, dass es legitim ist, oder sein muss, als (feministische) Frau zu sprechen (schreiben). Streeruwitz wird aber nicht nur aufgrund ihres Geschlechts persönlich angegriffen, sondern auch in ihrem Frau-Sein thematisiert. So wurde sie etwa von Nicolas Stemann in seiner Inszenierung von Jelineks "Ulrike Maria Stuart" als überdimensionale, sprechende Vagina auf der Bühne repräsentiert. Und auch wenn das vom Regisseur selbst, wie ich denke, nicht als sexistischer Seitenhieb gedacht war, Streeruwitz hat sich gegen diese Darstellung ihrer Person - verständlicherweise bin ich jetzt versucht zu sagen - juristisch gewehrt. Denn dies ist eine Zuspitzung, die in ihrem Einsatz unreflektiert ist, die Autorin reduziert und zudem lächerlich macht in ihrem Frau-Sein.
Möchtest du zum Schluss noch etwas anmerken, das wir im Gespräch noch nicht aufgegriffen haben?
Als Denkanregung werfe ich vielleicht noch einen Aphorismus ein, den ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, der heißt "Amour fou" und geht so: "Und da träumte er von ihr / schnell und immer schneller / Er war auch nur ein Mensch". Dieser Sprachwitz sorgte immer für Lacher. Irgendwann aber ist mir doch aufgefallen, dass bei Umlegung auf eine schnell träumende Frauenfigur interessanterweise das Vorstellungsvermögen derart angekratzt wird, dass es das Erfassen von Witz und Sinn der Aussage erschwert. Der Mann, der sich selbst befriedigt, ist hingegen ein gewohntes Sujet, über das Schulter klopfend gewitzelt werden kann. Feministisch gesehen bietet das Sprengstoff. Aber um es mit der Heldin aus "Jessica, 30." und einem feministischen Wink der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz zu sagen: "Es ist mein Recht, mich zu befriedigen."